
London – Am 7. Juli 1985 schrieb ein jugendlicher Tennisspieler aus dem baden-württembergischen Leimen Sportgeschichte. Der 17-jährige Boris Becker gewann als erster Deutscher und jüngster Spieler das Finale der Wimbledon Championships. Mit seinem Erfolg gegen Kevin Curren war er auch der bis dato jüngste Sieger bei einem Grand-Slam-Turnier. Beckers Triumph bildete den Startschuss für eine legendäre Tenniskarriere und machte Tennis nach Fußball zum populärsten Zuschauersport Deutschlands. „Bumm-Bumm-Boris“ wurde mehrfach zum deutschen Sportler des Jahres gewählt und erreichte außergewöhnlich hohe Sympathiewerte. Turniersieg folgte auf Turniersieg. Mit seinem besonderen Spiel, für das Bezeichnungen wie „Becker-Hecht“, „Becker-Rolle“, „Becker-Faust“ und „Becker-Blocker“ gefunden wurden, ging er in die Annalen des Tennissports ein. Dieser Ruhm hat ihn als Sportler unsterblich gemacht.
Derzeit macht aber etwas anderes Schlagzeilen. In dieser Woche sollte in London eigentlich ein Prozess wegen Insolvenzverschleppung gegen Boris Becker beginnen. Der wehrt sich entschieden gegen die Vorwürfe einer britischen Behörde, im Zuge seines Insolvenzverfahrens nicht ausreichend kooperiert zu haben. Nach Medienberichten ist die Verhandlung erst einmal geplatzt, wie auch der Southwark Crown Court in der britischen Hauptstadt bestätigt. Das hängt mit einem Wechsel in Beckers Anwaltsteam zusammen. Laut einem Gerichtssprecher wird das Verfahren auf nächstes Frühjahr verschoben und am 21. März 2022 beginnen. Der Ex-Tennisstar war 2017 von einem britischen Gericht für zahlungsunfähig erklärt worden. Im letzten Jahr wurden die Insolvenzauflagen plötzlich verlängert, weil Becker Transaktionen nicht ordnungsgemäß gemeldet haben soll. Es mutet ziemlich skurril an, aber dem 53-Jährigen wird unter anderem vorgeworfen, Medaillen und Pokale aus seiner aktiven Sportlerzeit vor dem Insolvenzverwalter verborgen und somit nicht ausgehändigt zu haben. Dazu soll die Trophäe anlässlich seines ersten Wimbledon-Sieges 1985 gehören.
Die frühere Nummer eins im Welttennis hat die Vorwürfe immer bestritten. In einer ersten Anhörung hatte sich Becker in allen 28 Anklagepunkten für unschuldig erklärt und im Oktober 2020 zum Prozess gesagt: „Ich glaube ans britische Rechtssystem und ihre Vertreter. Selbstverständlich werde ich mich in sämtlichen Punkten kooperativ und korrekt verhalten.“ Gegenüber der „Bild am Sonntag“ beklagte er Vorverurteilungen, die er nicht nachvollziehen könne: „Ich bin nach wie vor unschuldig und habe das Recht, wie jeder andere Bürger auch, so behandelt zu werden.“ Er hoffe auf einen fairen und sachlichen Umgang mit seiner Person. Ob es dazu vor Gericht kommt, wird sich im Frühjahr kommenden Jahres zeigen.
Boris Becker fesselt die weltweite Öffentlichkeit aber vor allem mit seinem Lebensstil und Beziehungsleben. Letzterem sind vier Kinder entsprungen, die schon ihre eigenen Wege gehen, aber ihren Vater trotzdem immer wieder ins Rampenlicht zurückrufen. Da ist als einzige Tochter Anna Ermakova (21), die aus der kurzen Beziehung des Tennis-Idols mit Angela Ermakova stammt. Ihre Halbbrüder Noah (27) und Elias (22) sind die gemeinsamen Kinder von Boris und Barbara Becker, seiner ersten Ehefrau. Sein Sohn Amadeus (11) kam in seiner zweiten Ehe mit Lilly Becker zur Welt. Sportlich ist keiner in die Fußstapfen des Wimbledon-Helden getreten, aber das verlangt der vierfache Vater auch gar nicht. Das größte Medieninteresse gilt Anna. Die 21-Jährige studiert derzeit Kunstgeschichte in ihrer Geburtsstadt London. Später wird es sie nach eigenem Bekunden aber weder in ein Museum, noch in die Wissenschaft oder in den klassischen Kunstbereich ziehen. Vielmehr reizt sie die große Leinwand. „Ich möchte Schauspielerin werden“, gestand sie der „Bild-„Zeitung. „Ich bin zwar schüchtern und habe Angst, abgelehnt zu werden – trotzdem will ich es versuchen.“ Bei diesem Berufswunsch dürften ihr die Model-Erfahrungen helfen, die sie schon als Kind sammelte – und ihre unverkennbare Becker-Optik. Mit ihrem Vater verbindet sie schließlich vor allem ihr Aussehen. „Das sagt jeder. Meine Haare, mein Gesicht. Vielleicht ist es gut, stark zu sein wie er“, sagt die Studentin mit den Hollywood-Träumen.
Wie vielen anderen Ausnahmesportlern wird dem jüngsten Wimbledon-Sieger aller Zeiten ein filmisches Denkmal gesetzt. Vor einem halben Jahr berichteten Medien, dass die Vorbereitungen für den RTL-Film „Der Spieler“, der Beckers einmalige Tennislaufbahn nachzeichnet, in vollem Gange seien. Neben den sportlichen Erfolgen zeigt „Der Spieler“ auch die Schattenseiten des Profisports und wie sich der harte Wettbewerb früh auf die Psyche und das Leben Beckers ausgewirkt hat. Mitte April starteten die Dreharbeiten in Köln. Zur bestmöglichen Vorbereitung auf seine Becker-Rolle stand der 22-jährige Schauspieler Bruno Alexander wochenlang mit einem Trainer auf dem Tennisplatz. „Natürlich kannte ich Boris Becker, denn eigentlich kennt jeder Boris Becker oder meint zumindest, ihn zu kennen“, sagte Alexander, um dann einzuräumen, dass er nach seinem Rollen-Engagement noch genauer über seine Filmfigur zu recherchieren begann. „Aber was für eine Karriere, was für eine Persönlichkeit konnte ich da entdecken“, so der junge Mime. „Diese Rolle ist daher Herausforderung und Bürde zugleich, denn ich will mit meiner Darstellung diejenigen begeistern, die mit ihm groß geworden sind, und diejenigen, die ihn hauptsächlich aus den Schlagzeilen kennen, einladen, den Menschen dahinter zu entdecken.“
Unlängst wurde bekannt, dass die pralle Lebensgeschichte der Tennislegende auch noch als Serie verfilmt werden soll. „Mail Online“ zufolge arbeitet ein großer Streaming-Anbieter an dieser Produktion, die andere Schwerpunkte als der Film setzen soll. Boris Becker habe mit seinen turbulenten Scheidungen und seinem Bankrott fast genauso viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie mit seiner glanzvollen Karriere, heißt es in der Meldung über die Serie. „Beckers Leben hat absolut alles“, wird ein Informant zitiert. „Während manche Sportler faszinierende Karrieren haben, hatte Becker jugendlichen Ruhm, Glamour und Reichtum, aber auch viel Herzschmerz.“ Es überrascht, dass sich Hollywood noch nicht dieses filmreifen Stoffs angenommen hat. Eines ist jedenfalls sicher: Boris Becker wird im Gespräch bleiben.